Bier, Olli Kahn und Beethoven

 

Jetzt haben sie es auch noch ins japanische Fernsehen geschafft! Die ganze Präfektur Fukuyama durfte zusehen, wie sich die Sportjugend-Abgesandten aus Thüringen und Sachsen als Karatekämpfer versuchten. Das prägende Erlebnis einer Taifun-umtosten Nacht auf einer einsamen Insel vor der stadt Okayama hat den Erlebnishunger der Arterner Germania-Crew in Japan nicht beeinträchtigt. Das mulmige Gefühl, auf einem Eiland mit zehn Kilometern Durchmesser und 200 verlorenen Menschenseelen - die sich allesamt auf der anderen Seite befanden und wahrscheinlich auch wissen, warum sie ihre Häuser dort erbaut haben - festzusitzen, verflog mit dem Sturm und der Ankunft der Fähre. In Fukuyama bereitete die lokale Sportjugend den Gästen aus Europa einen Stargast-Empfang. Kinder und Jugendliche hatten sich in Riegen aufgestellt und grüßten auf deutsch. Einen riesengroßen Blumenstrauß gab es auch. Wie dankt man für eine so überschwängliche Begrüßung? Mindestens tausendmal. Bei der Abreise rannten die Japaner hinter dem Auto her und winkten. Weiter ging es mit einem Fotomarathon - und einer Exkursion auf die Insel Miyajima. Das erwies sich als echt lustig. Das Frühstück wollten hunderte Hirsche mit den Arternern teilen. Shoko-san, die Dolmetscherin, hatte vor den aufdringlichen Tieren gewarnt, sprach von Hirschen, aber alle verstanden "Kirschen". Und warum in Gottes Namen sollte man sich beim Essen vor Kirschen in Acht nehmen - und sogar seine Wertsachen vor ihnen schützen?! Genmutiertes Kernobst?! Alle mussten herzlich lachen! Der Schrein auf der Insel ist aber wirklich klasse! Das Gebäude soll einfach nur auf den Boden gestellt sein, ohne Fundament oder so. Es hebt sich bei Flut an und sinkt bei Ebbe wieder auf die gleiche Stelle zurück. Da kann man auch heute nur den Hut vor den Erbauern aus dem siebten Jahrhundert ziehen. Unfassbar! Die Gastgeberfamilien - jeder Umzug beschert auch eine neue - sind nett! Marie findet jetzt die Oma am coolsten. Überhaupt sei die ältere Generation der Japaner viel lustiger als die jüngere. Das große Los hat aber Ken gezogen: Seine Gast-Mama hat früher für Japans Volleyballnationalmannschaft gespielt - und sein Gastbruder gehört jetzt dazu. Cool. Aber viel Zeit bleibt meist nicht - nach dem Besuch der Burg in Fukuyama ging es noch in drei Museen. Schon stressig. Aber noch nicht das Ende, denn danach durften die Besucher aus Deutschland in eine traditionelle Kampfsporthalle und haben fünf Kampfsportarten kennengelernt (Aikido, Karate, Judo, Tai-chi - und irgendwas aus China Importiertes, das jetzt aber doch ein japanischer Sport ist. Den Vorführungen folgte der Selbstversuch. Das Ganze wurde auch noch vom Regionalprogramm des nationalen Fernsehsenders, NHK Fukuyama, aufgenommen und tatsächlich gezeigt. Also konnte sich die gesamte Präfektur die Fremdlinge beim Karate angucken!? Danach ging es ins Schwimmbad, wo ein Turmspringer, einer der drei besten Oberschüler des Landes, wartete und zeigte, was er kann. Erstaunlich! Flori und Stephan sind sogar vom 10er gesprungen - und haben überlebt! Im Anschluss diskutierten die jungen Sportler miteinander. Erst offiziell, dann in einem japanischen Indoor-Biergarten. Was es nicht alles gibt! Am nächsten Familien-Tag ging es auf die Seto-Brücke und demnach auf Shikoku und zur Krönung in eine Sushibar, wo die Sushis in unendlicher Folge angerollt kommen. Dann hieß es: Bowling, Sayonara-Party, Geschenke tauschen! Bei den japanischen Gastgebern stehen die Thüringenkalender hoch im Kurs. Das größte Entzücken löst immer das Dezemberfoto vom weihnachtlichen Sondershäuser Markt mit der tollen Schlosskulisse aus. "Ich glaub, das sind die ersten, die ihren nächsten Urlaub für Deutschland planen", ist sich Marie fast sicher und staunt über andere Stereotype: "Fast jedes Gespräch, das ich hier führe, fängt mit deutschem Bier an, steigert sich zu Olli Kahn und schließt mit einer Ode an Beethoven."