Frühe Nestflüchter


 


Gleich im Dreierpack machen in diesem Sommer Arterner Jungendringer den Absprung ans Sportgymnasium nach Halle. Was für die drei 10-Jährigen als großes Abenteuer erscheint, macht ihnen weniger Kopfschmerzen als ihren Eltern. "Alte Petze", faucht Laura Kreutz und boxt ihre Freundin Franziska Göbel freundschaftlich in die Seite. Da hatte Franziska gerade verraten, dass es Laura kaum noch erwarten kann, nach Halle zu wechseln. "Da hab´ ich endlich alle beide vom Hals", scherzt sie. Gemeint sind Zwillingsschwester Julia und Bruder Felix. Mutter Anett lächelt nachsichtig. Sie weiß, wie es gemeint ist. Zwischen den beiden Mädchen sitzt Bastian Flock. Er wird sie ans Sportgymnasium begleiten. Bastian ist daheim einer von zwei Nachzüglern. Mutter Dagmar weiß jetzt schon, dass es für sie ohne den Jungen schwer wird. Sechs Kinder hat sie mit ihrem Mann Günter. Die Älteren, 30 abwärts, sind längst weg. Zwischen Aachen und Duisburg. Die Nesthäkchen sollten eigentlich dafür sorgen, dass das Haus nicht zu schnell leer wird. Nun erweisen gerade sie sich als ausgesprochen frühe Nestflüchter. Schließlich hat Pascal, zwei Jahre jünger als Bastian, schon verkündet, dass er den Großen verfolgen will, wenn für Bastian alles glatt läuft. Den Flocks aus Gehofen bliebe eine zweijährige Gnadenfrist. Am 30. August beginnt für das Germania-Trio die Schule wieder. Nach der Anreise in Halle müssen allerdings die Taschen nicht einmal ausgepackt werden. Für eine Woche geht es mit den Neulingen zunächst nach Limbach-Oberfrohna. Sie sollen sich beschnuppern. 21 Kinder werden es in der Klasse der drei Arterner sein. Nicht nur Ringer. Im Gegenteil, die Kampfsportler sind gegenüber Schwimmern und Leichtathleten sogar deutlich in der Minderzahl. "Aber die Ringer sind ganz sicher die kernigste Truppe", ist sich AC-Chef Gerd Pillep sicher. Und Bastian Flock weiß, dass sich der Germania-Koeffizient auch in Halle fortsetzen wird: "Die Mädels sind mächtig in der Überzahl. Auf einen Jungen kommen zwei." Das Internat haben sich die künftigen Sportgymnasiasten schon einmal angesehen - und gleich einen alten Bekannten getroffen: Ihr Vereinskamerad Daniel Geist schlenderte entspannt über den Korridor. Vor dem amtierenden deutschen Jugendmeister verbanden auch schon Steve Brylla, Jan Scholz und Martin Mach hier Unterricht und Training miteinander. "Das geht nirgendwo besser als am Sportgymnasium", ist sich Gerd Pillep sicher. Dennoch ist die Entsendung der drei Küken auch für den AC Germania Neuland. Zur fünften Klasse ist noch niemand von Artern nach Halle gewechselt. Aber der ausdrückliche Wunsch der Kinder und die optimalen Bedingungen gaben letztlich den Ausschlag. "Es geht kaum Zeit durch Wege verloren, du bist ruckzuck aus dem Klassenzimmer raus und auf der Matte", sagt Gerd Pillep. Im Zwei-Stunden-Rhythmus wechseln sich Unterricht und Training ab. Auf die Eltern kommen neben den Veränderungen im familiären Mikroklima auch neue geldliche und zeitliche Belastungen zu. Die Internatsplätze wollen finanziert werden, der Hol- und Bringedienst muss koordiniert werden. Immerhin, man ist zu dritt. "Vielleicht können wir ab und zu den Vereinsbus zur Verfügung stellen", überlegt Gerd Pillep. Das starke Trio startet nämlich, sicher bald noch stärker, weiter für den AC.