Gaukelnder Eisbrecher


 




Höfliche Verbeugung, verbindliche Worte, formeller Visitenkartentausch - so langweilig hätte es sein können. So war es aber nicht. Arterns Ringer sind anders, ihre japanischen Sportjugend-Gäste nach kurzem Beschnuppern auch. Der japanische "Eisbrecher" heißt Toshinari Masugami. Er ist 19 Jahre jung und die Stimmungskanone der fünfköpfigen Truppe aus Nippon. Als wandelndes ewiges Victory-Zeichen drängt er sich auf jedes Foto. Wird irgendwo ein Freiwilliger gesucht? Masu macht es. Er ist sich für keinen Spaß zu schade. Er testet mit aufgeblasenen Backen die Fitnessgeräte der BfA-Klinik in Bad Frankenhausen. Er ist überall der Vorkoster. Mit Betreuer Lothar Finke aus Artern funkt er sofort auf einer Wellenlänge. Unter den Gastgebern der Unstrutstadt heißt Masu bald nur noch "Schmackofatz". Genau so hat sich der Japaner dann auch bei Landrat Peter Hengstermann (CDU) beim Besuch im Erlebnisbergwerk in Sondershausen vorgestellt: Ein formvollendeter Diener - "Gestatten Schmackofatz". So einen Mann wie Masu braucht es, um nicht in steifen offiziellen Gesten zu verharren. Die Clownsrolle ist allerdings nicht der ganze Mann. Der Student, der Fußball, Volleyball und Baseball spielt, hat auch eine stille Seite, beschäftigt sich mit Go und spielt Klavier. Im untertägigen Konzertsaal gab er eine Hörprobe. Alle, die bisher nur den Lärmmacher gesehen hatten, staunten. Die Tage in Artern hat er mit seinen Kumpels in vollen Zügen genossen. 950 Euro hat jeder von ihnen für die Reise berappt. Extrem günstig und doch eine Menge Geld. "Vielleicht hat die Gruppe deshalb nicht die sonst üblichen zehn Mitglieder?", rätselt Gastgeber-Chef Gerd Pillep. Was Masu besonders gefallen hat? Weimar hat er gesehen, Erfurt und Leipzig. Aber die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: "Diese Würstchen!" Demnächst wird also in der Umgebung von Hiroshima, wo die jungen Männer leben, am weltweiten Mythos der Thüringer Rostbratwurst gewoben. Sechs Stück hat Gruppenleiter Nobuyuki Kayano (24) am Grillabend verputzt. Masu natürlich mindestens eine mehr. Überhaupt präsentierten sich die jungen Asiaten als gute und nicht mäkelige Esser. Nur die deutsche Bäckerzunft würde an ihnen verzweifeln. "Nach dem ersten Tag haben wir keine Brötchen und auch kein Schwarz- oder Graubrot mehr gekauft. Die Jungs wollten nur Weißbrot, das haben sie dafür aber in Handspann-Höhe verdrückt", schmunzelt Gerd Pillep.

Arterns Ringer, eigentlich nur als Notnagel in die Japaner-Betreuung eingesprungen, erhielten von ihren Gästen nur Lob. Nobuyuki Kayano: "Wir haben so viel erlebt. Jeder Tag war toll, die Tage lang, die Nächte kurz. Aber mehr noch als alles, was wir gesehen haben, hat uns beeindruckt, wie herzlich wir hier aufgenommen und in das Leben dieses tollen Vereins integriert wurden!" Ob sie etwas vermisst hätten? "Eigentlich nicht", sagt Kayano. "Wenn überhaupt, dann japanisches Essen", kommt die Antwort nach kurzem Überlegen. Aber dafür gab es ja Bratwurst satt.

Zum Abschluss luden die Jungs ihre Gastgeber ein, fuhren Okonomiyaki, eine Art Pfannkuchen mit Schweinefleisch, Kraut, Ei und Gewürzen, und Yakisoba, gebratene Nudeln, sowie Miso-Suppe auf. "Let´s go, lecker Schmackofatz", baten sie zu Tisch. Zwei Stunden lang zauberten sie dafür in der kleinen Küche des Ringer-Domizils - und langten dann auch selbst herzhaft zu. Heimweh-Vorbeuge. Wer weiß schließlich, ob sie es in Chemnitz und Berlin beim 33. Simultanaustausch der deutschen und japanischen Sportjugend so gut treffen wie in Artern.


(Von Armin BURGHARDT)