Sportjugendaustausch - Einmal im Leben


 

 "Na prima! Jetzt hat man kaum mal Ferien, da geht der Stress auch schon weiter." So oder ähnlich sahen meine Gedanken aus, als ich am vorletzten Schultag im Freibad lag und über mein Japanischlehrbuch gebeugt war. Erst dann kam die Vorfreude. Es war schon eine einmalige Chance, endlich mal mit waschechten Japanern zusammenzutreffen, aber um diese wahrnehmen zu können musste ich zuallererst - früh aufstehen! Ja, das mag vielleicht banal klingen, aber wenn Körper und Geist erst einmal auf Ferien eingestellt sind, sollte man an diesem Zustand besser nichts mehr ändern. Seit Sonntag waren die Japaner in Thüringen, hatten schon ihre Gastgeber in Artern und deren Stadt kennen gelernt, Erfurt besichtigt und den Kyffhäuser bestiegen. Der Mittwoch war nun jener schicksalhafte Tag, an dem meine Schwester und ich mit ins Spiel kamen. Nach dem ersten Kennenlernen ging es per Bus nach Leipzig. Zumindest versuchten wir es, denn irgendeine höhere Macht war gegen diesen Plan: Bremsbeläge kaputt, Nothalt in einer Bad Lauchstädter Werkstatt. Na ja, so kamen die Japaner und wir eben noch zu einer zusätzlichen, nicht eingeplanten Portion Kultur. Im Bad Lauchstädter Zentrum ließen wir uns ein wenig vom Hauch Goethes umwehen. Das war an diesem brennend heißen Tag das einzige Lüftchen, das sich regte. Aber bald kam ja auch der herbeitelefonierte Ersatzbus aus Artern. Gut, dass Herr Finke das Handy immer griffbereit hatte. Kein Wunder, er wartete ja quasi sekündlich darauf, Opa zu werden. Und das bis zur Abreise der japanischen Gäste. Sein Enkelkind wollte ihn den Asiaten offensichtlich nicht abspenstig machen . . . Mit etwas Verzögerung kamen wir so schließlich doch im Belantis an und wurden von drückender Hitze empfangen. Nichtsdestotrotz haben wir uns davon nicht einschüchtern lassen und jede große Attraktion des Parks mitgenommen. Dementsprechend war ein Großteil der Gruppe auch schon am Schlafen, als die Busse dann den Heimweg antraten. Der nächste Tag hielt einen Besuch der Modelleisenbahn in Wiehe bereit, wo wir Zinnfiguren gossen und versuchten, den Japanern schonend beizubringen, dass Tokyo nicht als Miniatur nachgebildet war und also auch nicht von den Minizügen angefahren wurde. Auch die BfA-Klinik in Bad Frankenhausen sowie die Therme wurden angesteuert, begutachtet und ausprobiert - wie etwa die 100 Grad heiße Sauna. Da kamen einem sogar die 36 Grad draußen fast schon erträglich vor. Am Freitag dann brachten wir die Japaner nach Sondershausen unter Tage. Als der Guide stolz verkündete, dass wir uns jetzt in 670 Meter Tiefe befanden, waren sich alle, die das zum ersten Mal erlebten, einig, dass das nur ein Scherz sein konnte. Im unterirdischen Konzertsaal hörten wir dann noch eine kleine musikalische Einlage von unserem Spaßvogel Toshinari Masugami auf dem Klavier und fuhren, nein rasten, dann auf einem Lkw durch die "Hölle", wie das Bergwerk im Scherz von den Japanern getauft wurde. Am besten jedoch kamen der unterirdische Salzsee und die Rutsche, die - welch´ Überraschung - ebenfalls aus Salz bestand, an. Das war ein Gaudi - auch wenn es ganz schön brannte, wenn das Arschleder-Rutschtuch mal doch nicht ganz korrekt am Hintern drapiert war. Na ja, Schwamm drauf bzw. drüber . . . Der letzte Tag war durch eine Stadtführung in Weimar geprägt. Diesmal nicht auf Deutsch mit Übersetzung auf Japanisch, sondern auf Japanisch ganz ohne Übersetzung ins Deutsche. Gott sei dank, kannten wir Begleiter der Japaner ja alle Weimar! Mittags in Artern wurde traditionelle Thüringer Küche aufgetischt, abends dagegen revanchierten sich die Japaner mit für ihre Heimat typischen Speisen wie Okonomiyaki und Yakisoba, die von allen Seiten nur gelobt wurden und auch restlos aufgegessen wurden. Nach dem Abendessen wurden die Gastgeschenke ausgetauscht und sich beiderseits abermals für die tolle Zeit bedankt. Es folgte eine Aufführung der Ringer, die den Gästen, gemessen an deren Erstaunensbekundungen, wohl noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Sie treiben nämlich anderen Sport - fast alle Baseball, einige zusätzlich auch noch Basketball und Volleyball oder Tischtennis. Nur Teamküken Takahiro Susuki (17) ist Judoka. Er ließ sich als Kampfsportler unter Kampfsportlern natürlich nicht lumpen, zeigte einige Fallübungen und knallte seinen Kollegen Masu auch mal auf die Arterner Ringermatte wie es zuvor die Großen Ken Finke und André Günther sowie die vielen Kleinen Germania-Jungs und -Mädchen getan hatten. Vor allem über die Mädels kamen die Gäste aus dem Staunen gar nicht wieder heraus. "Sugoi" (Stark!") riefen sie ein ums andere Mal - Ausdruck höchster Verwunderung und nur noch getoppt, wenn einem ein lautes "Oh my God!" entfuhr . . . Zur Abschiedsfeier gehörte auch der Auftritt der leider nicht ganz vollständigen Arterner Punkrock-Hausband mit André Günther am Bass. Deren Hammerklänge trieben dann Masu und Delegationschef Nobuyuki Kayano zu zwei Karaokeeinlagen. Das Ganze gipfelte in originellen Tänzen. Erst stand den Japanern bei Uwe Kauschs karnevalistischer Ü-16-Einlage "Die Glocken von Rom" der Mund offen - und die Fotoapparate klickten und blitzten besonders heftig - dann zeigten die Japaner einen mitreißenden Mitmachtanz. Bald klatschten sich alle ab. Wie immer wurde also kräftig gefeiert, aber das ist eine ganz andere Geschichte . . .
Beladen mit Geschenken, versorgt mit E-Mail-Adressen und einer Menge toller Erinnerungen sowie mit einem erheblichen Schlafdefizit ging es zurück nach Hause - und für die Japaner nach Chemnitz.
Das war ein Erlebnis, das es, wie Arterns Ringer-Chef Gerd Pillep immer so schön sagte, nur einmal im Leben gibt und das leider viel zu schnell wieder vorbei war. Vielen Dank, dass ich ein Teil davon sein durfte.